Geht man in Leppersdorf an der der Hauptstraße zugewandten Mauerseite der Dorfkirche entlang, so fällt es einem unverkennbar ins Auge: ein Steinkreuz, ca. einen Meter hoch, aus einem Granitstein mit einem Loch in der Mitte. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches - ein Kreuz an einer Friedhofsmauer eben.

 

Außergewöhnlich wird dieses Denkmal, wenn man sich der Geschichte dieses Kreuzes widmet, auch wenn in Sachsen insgesamt zahlreiche solcher Kreuze zu finden sind (Die vom Landesmuseum für Vorgeschichte Dresden zwischen 1977 und 1980 herausgegebenen Inventare beinhalten für Sachsen einen Bestand von 436 Steinkreuzen und Kreuzsteinen).

 

Was hat es damit auf sich?

 

Der wahre Aufstellungsgrund ist nur von den wenigsten Steinkreuzen bekannt; vielfach fehlt jeglicher Hinweis auf ihre Bedeutung. Sicher ist nur, dass ein Großteil zwischen dem 13. Jahrhundert und der Zeit um 1530 aufgestellt wurde. Trotz verschiedener Meinungen und intensiver archivarischer Forschungen umgibt diese groben und massigen Kreuze aber immer noch ein Hauch des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Teilweise ranken sich Legenden und Sagen um die Entstehungsgeschichte der Steinkreuze. Gelegentlich wird berichtet, das Versetzen eines Sühnekreuzes hätte zu Unglücken geführt.

 

Mehrere Thesen – und mehrere Bezeichnungen - beschreiben die möglichen Gründe für die Errichtung des Denkmals in Leppersdorf:

 

1. Hussitenkreuz

 

Der Begriff Hussiten fasst verschiedene reformatorische bzw. revolutionäre Bewegungen im Böhmen des 15. Jahrhunderts zusammen, die sich ab 1415 nach der Verbrennung des Theologen und Reformators Jan Hus herausbildeten. Unterstützt durch den Großteil des böhmischen Adels, richteten sie sich hauptsächlich gegen die böhmischen Könige und die römisch-katholische Kirche, was in den Jahren 1419 bis 1434 bzw. 1439 zu einer Reihe von Auseinandersetzungen und blutigen Schlachten führte. In die Geschichte unter dem Begriff „Hussitenkriege“ eingehend, wurden auch Schlesien, Oberungarn, Österreich, die Oberpfalz, Franken, die Marken Meißen sowie Brandenburg schwer verwüstet.

 

Die Plünderungszüge der Hussiten erreichten auch Leppersdorf. Heute geht man davon aus, dass u.a. die zu bis dahin vorhandene Dorfkapelle in diesem Zusammenhang niedergebrannt und daraufhin die jetzige Kirche errichtet wurde.

 

Überlieferungen berichten davon, dass zum Dank nach der Errettung aus einer Notlage wie Krieg oder Lebensgefahr so genannte „Hussitenkreuze“ gestiftet und errichtet wurden. Anders herum gibt es aber auch die Sage, sie dienen als Zeichen für Gesinnungsgenossen der Hussiten, die nach der Brandschatzung des Dorfes anzeigen sollten, dass hier nichts mehr zu holen sei.

 

2. Pestkreuz

 

Die Jahre 1584/85, 1633/37 und 1680/81 haben in Leyppersdorf bzw. Lepperßdorf, wie unser Ort zu dieser Zeit einmal hieß, zahlreiche Opfer gefordert, als immer wieder schwere Pest-Epidemien wüteten. Wer nicht an der Seuche starb, floh aus dem Dorf, so dass es zeitweise verödet und nahezu vollständig entvölkert war.

 

 

 

Es war vielfach üblich, zum Gedenken der Opfer der großen mittelalterlichen und neuzeitlichen Pest-Epidemien solche Steinkreuze zu errichten. Sie finden sich sowohl auf Friedhöfen, in der Massengrababteilung, eigenen Pestfriedhöfen, wie auch auf weiter Flur. Nach den vielen Opfern, die die Seuche in Leppersdorf forderte, hätte die Bedeutung des Mahnmales an der Kirchenmauer durchaus ihre Berechtigung.


3. Tetzelkreuz

 

Der im Jahr 1460 in Pirna geborene Dominikanermönch Johann Tetzel ging als Ablassprediger in die Geschichte ein, der vor allem in Sachsen, Süddeutschland und Österreich unterwegs war, um Sündern gegen Geld und gute Taten das Fegefeuer zu ersparen. Überlieferungen erzählen davon, er habe wie ein Marktschreier seinen Ablass angepriesen.

 

Tetzel übertrieb den Umfang des Ablasses mit seinen Parolen: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt“ oder „Wenn ihr mir euer Geld gibt dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren sondern in den Himmel kommen". In das Hochdeutsche übertragen ist jedoch heutzutage der Ausruf „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ der Allgemeinheit geläufiger.


1508 soll Tetzel seinen lukrativen Ablasshandel auch in Lupirstorf (so der Name unseres Ortes zu jener Zeit) betrieben haben. Ob dies die Errichtung eines die Jahrhunderte überdauernden Denkmales rechtfertigte, wird ein ewiges Geheimnis bleiben.

 

4. Sühnekreuz

 

Sühnekreuze nach mittelalter-lichem Recht dienten als Erfüllungsteil von Sühne-verträgen, welche zwischen zwei verfeindeten Parteien geschlossen wurden, um eine Blutfehde wegen eines begangenen Mordes oder Totschlages zu beenden. Die meisten von ihnen stehen im Zusammenhang mit Totschlags-delikten; bei den wenigsten ist jedoch der unmittelbare Anlass schriftlich bezeugt oder es lassen sich überlieferte Sühneverträge nicht mit Sicherheit einem erhaltenen Steinkreuz zuordnen.

 

Oftmals sind bei diesen Stein-kreuzen Waffen eingeritzt, die als Mordwerkzeuge gedeutet werden. Wurde jemand im Streit oder anderweitig ohne Absicht getötet, musste der Schuldige mit der Familie des Opfers einig werden. Es wurden zwischen beiden privatrechtliche Sühneverträge abgeschlossen. In den seltensten Fällen finden sich eingeschlagene Jahreszahlen. Text findet sich auf keinem echten Sühnekreuz aus dem 13.-16. Jahrhundert. Der einfache Bauer hätte es ohnehin nicht lesen können, weshalb Bilddarstellungen dominierten.

 

Der geistesgeschichtliche Hintergrund ist der, dass in katholischer Zeit die Vorübergehenden angehalten werden sollten, Fürbittgebete für den ohne Sterbesakramente zu Tode Gekommenen zu halten.

 

In evangelischen Gebieten handelt es sich aber nunmehr um einfache Gedenksteine (Nach Mord, Totschlag, Unfall, Pest usw.), die allerdings wesentlich seltener gesetzt wurden. Ab 1300 soll es üblich gewesen sein, am Tatort oder dort, wo es die Angehörigen wünschten, ein steinernes „Sühnekreuz“ aufzustellen. Es sind oberpfälzische und sächsische Sühneverträge erhalten geblieben, in denen ausdrücklich die Setzung eines Sühnekreuzes vereinbart wird.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Leppersdorfer Kreuz um eben solch ein Sühnekreuz handelt, wird untermauert durch die Tatsache, dass sich in der Mitte ein Loch befindet. Nach überlieferter Tradition stellten diese so genannten „Näpfchen“ Seelenlöcher dar, die nach dem Glauben des Volkes die Seele des Erschlagenen befreiten.

 

Weiterführende Informationen: www.suehnekreuz.de

 

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