Eine Überlieferung des Radeberger verdienstvollen Lehrers und Volkskundlers Hanns Franke

 

In der Zeit um 1880 trug es sich in unserer Gemeinde zu, dass der hier lebenden Witwe Großmann eine Geldsendung unbekannter Herkunft avisiert wurde. Der zuständige Landbriefträger brachte ihr damals die Nachricht ins Haus. Da es jedoch damals nicht üblich war, diese Geldbeträge – es ging immerhin um über 800 Mark – dem Briefträger etwa als Anweisung mitzugeben, musste sich die Witwe zur Radeberger Ausgabestelle von Post- und Geldsendungen am Markt bemühen. Hier wiederum eröffnete ihr der Postbeamte, dass sie bei einer solch hohen Summe zwei Bürgen benötige, die bestätigten, dass es sich auch um die Witwe Großmann handele (zu dieser Zeit gab es noch keine Ausweispapiere mit Lichtbild).

 

Noch immer grübelnd, warum sie zu einem solch hohen Betrag kommen sollte, ging sie wieder heimwärts und suchte den Ortsrichter auf. Ihm schilderte sie ihr Anliegen. „Das geht schon in Ordnung“ – so oder ähnlich beruhigte er die Witwe. „Ich werde Ihnen ein Gemeindezeugnis ausstellen, dann können Sie das Geld getrost in Empfang nehmen.“ Diese Auskunft genügte ihr, hatte es doch den Anschein, zu dem Betrag zu kommen.

Bild: Bredehorn, Jens / Pixelio.de (bearbeitet)

 

Noch immer an dieses unverhoffte Glück denkend, schlief sie dann ein und träumte durchaus wirres Zeug. Schweißgebadet wachte die Witwe auf und vernahm ein Klopfen. Erst wollte sie nicht öffnen, doch da jemand sie beim Namen rief, ging sie doch zur Tür. Sie erschrak fast zu Tode. Der Leibhaftige stand vor ihr! Und damit nicht genug – im Hintergrund wurde sie des Gevatters Tod gewahr! Der Teufel ließ sie gar nicht erst von ihrem Schreck erholen. „Großmannin, wie ist das mit dem Geld?“, um gleich nachzuschieben, „die 800 Mark sind aus betrügerischen Absichten!“ Das saß. Der Schreck saß so tief, dass sie zu keinem klaren Gedanken fähig war. Der Teufel befahl ihr, das Geld in Radeberg zu holen; man würde wiederkommen und sie beim Wort nehmen.

 

Völlig aufgelöst und unausgeschlafen ging die Witwe am späten Morgen des Folgetages zum Ortsrichter. Der übergab ihr vereinbarungsgemäß die schriftliche Gemeindeauskunft samt Siegel. „Ist was mit Ihnen?“, wollte er noch wissen. Doch sie traute sich nicht, von ihrem Erlebnis zu berichten. Vielleicht dachte er dann, das Geld habe sie völlig verwirrt. Und so ging sie nach Radeberg. Dem Postbeamten fiel die ziemlich verstörte Frau auf. Und er drang in sie, wollte wissen, warum sie so aufgelöst sei. Doch einen richtigen Reim konnte er sich auf ihre bruchstückhaften Worte nicht machen. „Wahrscheinlich hat sie der ungewöhnliche Betrag so mitgenommen!“ – so oder ähnlich dachte der Beamte und überlegte, was zu tun sei.

 

Die Witwe ging nach Hause zurück, legte das Geld auf den Tisch, und war immer noch verstört. Dabei schlief sie offensichtlich auf dem Stuhl ein und wurde wieder im vormitternächtlichen Dunkel von einem energischen Klopfen aufgeschreckt. Vor der Tür standen Tod und Teufel. Noch ehe sie ihren Mummenschanz fortsetzen konnten, wurden sie von drei Gendarmen festgenommen. Der Postbeamte hatte, wie es sich später herausstellte, die Gendarmerie informiert.

 

Und wer war es? – Der Ortsrichter als Teufel verkleidet und sein Schwager als Tod. Über das Gerichtsverfahren konnte bisher nichts gefunden werden. Jedoch spendete die Witwe 400 Mark „zum Besten der Armen“. Die Herkunft des Geldes blieb im Dunkeln der Geschichte.

 

(Quelle: Sächsische Zeitung / Hans-Werner Gebauer: Geschichten aus dem alten Rödertal)

 

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